Lieben
Viele Menschen glauben es sei schlimm, nicht geliebt zu werden.
Ich glaube, nicht zu lieben, ist viel schlimmer. Und das allerschlimmste ist,
sich selbst nicht zu lieben.
Diese Geschichte handelt von Gabi. Von Gabi und ihrem Gerd.
Wir sitzen bei Kaffee und Erdbeertorte, als Gabi verdrossen in ihrer Kaffeetasse
mit ihrem Löffel Runde um Runde dreht, dass mir schon vom zusehen schwindelig wird.
"Weißt du", sagt sie, und ich weiß sofort und genau, es kann nur um Gerd gehen,
"ich glaube, der Gerd, der liebt mich nicht mehr."
"Wie kommst du auf diesen Zweig?" frage ich, während ich eine Erdbeere mit einem
dicken Klacks Sahne balanciere.
"Ja ich weiß auch nicht“, druckst sie herum. "Ich hab' irgendwie das Gefühl, der denkt
gar nicht mehr an mich. Nie bringt er mir mal Blumen mit oder so."
"Ach, und daraus schlussfolgerst du, dass er dich nicht mehr liebt?"
"Na du weißt schon", sagt Gabi, dieses Gefühl...."
"Nee", sag ich "was denn für ein Gefühl?"
"Ich weiß auch nicht so richtig" sagt Gabi, seufzt einmal tief und rührt weiter.
"Sag mal", sag ich zu Gabi "liebst du dich eigentlich selber?"
Gabi hört auf zu rühren und guckt mich mit großen Augen an.
"Wie meinst du das denn?", fragt sie.
"Na, so wie ich's sage", sag ich.
"Naja", sagt sie "Gerd meint..."
"Nee, Gabi" sag ich "ich will nicht wissen was Gerd meint, ich will wissen was Du meinst".
"Da hab' ich noch nie so richtig drüber nachgedacht", sagt Gabi und fängt wieder an zu rühren.
"Deine Erdbeertorte ist jedenfalls klasse", sag ich und schaufle noch ein Stück auf
meinen Teller.
"Stimmt", sagt Gaby. Und rührt.
"Humor hab' ich auch jede Menge".
Ich nicke kauend. Mit Gabi ist's immer lustig.
"Wie 39 seh ich auch nicht aus".
Da hat sie wirklich Recht, denke ich.
"Und ich spreche drei Sprachen. Fließend."
Das ist mir neu, denke ich. Die Frau steckt voller Überraschungen.
"Ich mag mein Temperament", sagt Gabi, hört auf zu rühren, stützt ihren Kopf auf
und guckt aus dem Fenster.
"Ich habe auch schon oft Mut bewiesen. Und ich halte mich für eine charmante Gastgeberin. Ich bin tierlieb und eine loyale Freundin."
Das kann ich voll und ganz bestätigen, denke ich.
Gabi sieht mich an und hat dabei so ein Funkeln im Blick.
"Weißt du", sagt sie "ich finde, ich bin eine wundervolle und rundum liebenswerte Frau."
Und ich denke, wo sie Recht hat, hat sie Recht.
Gestern ruf ich Gabi an. Samstags backt sie immer Kuchen und ich wollte mich auf
einen Kaffee bei ihr einladen.
"Nee, du", sagt sie. "Dieses Wochenende wird's nichts mit Kaffeeklatsch. Wir fahren
nach Sylt."
"Nach Sylt?" frag' ich. "Gerd und du? Das ganze Wochenende?"
"Viel besser" höre ich Gabi am anderen Ende der Leitung kichern wie einen Teenager.
"Eine ganze Woche. Eine Überraschung von Gerd. Wir sind auf einmal wieder so verliebt
wie am ersten Tag. Ist das nicht schön? Ich schreib' Dir eine Karte. Ich muss jetzt packen. Tschühüß!"
Ich freue mich für Gabi. Und rufe Bärbel an. Mal hören, wie es in ihrem Job so läuft. Außerdem kocht sie superleckere Pasta.
Wenn du dich selbst nicht leiden kannst, deine Talente nicht anerkennst,
dich selbst nicht schätzt, verleugnest du Alles-was-Ist. Denn du bist ein Teil
davon, und schon deswegen immer wichtig. Du bist immer ein Teil vom
„großen Ganzen“ und schon deshalb immer der Liebe wert.
Hältst du einen Vogel oder ein Eichhörnchen für unvollkommen?
Glaubst du, dass ein Igel erst beweisen muss, dass er „ok“ ist?
Hat ein Schmetterling erst dann eine Lebensberechtigung, wenn er bestimmte
Farben hat? Darf ein Füchslein erst dann voller Lebensfreude über eine Wiese tollen,
wenn es bestimmte Bedingungen erfüllt hat?
Tiere wissen instinktiv, dass es ihr Geburtsrecht ist, zu sein wie sie sind und sich am
Leben zu erfreuen. Glaubst du ernsthaft, du hättest dieses Recht nicht?
Je mehr du dich am Leben erfreust und umso mehr du dich selbst magst, umso größer
ist dein Wert, weil du dann am meisten zum Alles-was-ist beisteuerst.
Dich am Leben zu erfreuen ist dein Job hier in dieser Welt denn deswegen bist du hier.
Du bist Teil des "großen Ganzen". Wenn du dich selbst wertschätzt ehrst du damit gleichzeitig Alles-was-ist.